{
  "guid": "0425efd8-fec5-5dbc-860b-8478857dc9ac",
  "code": "AEHLZT",
  "id": 1840,
  "date": "2025-12-28T16:35:00+01:00",
  "start": "16:35",
  "duration": "00:40",
  "room": "Fuse",
  "slug": "39c3-auf-die-dauer-hilft-nur-power-herausforderungen-fur-dezentrale-netzwerke-aus-sicht-der-soziologie",
  "title": "Auf die Dauer hilft nur Power:  Herausforderungen f\u00fcr dezentrale Netzwerke aus Sicht der Soziologie",
  "subtitle": null,
  "language": "de",
  "track": "Science",
  "type": "Talk",
  "abstract": "Der Vortrag diskutiert Herausforderungen dezentraler Netzwerke aus soziologischer Perspektive. Als dezentrale Netzwerke werden technische Infrastrukturen verstanden, die nicht von einer zentralen Autorit\u00e4t, sondern verteilt \u00fcber Instanzen zur Verf\u00fcgung gestellt werden. Nutzer:innen profitieren von dieser Infrastruktur, nutzen beispielsweise das Fediverse oder das Tor-Netzwerk, ohne zur Infrastruktur beizutragen. Zugleich k\u00f6nnen dezentrale Netzwerke nur dann bestehen, wenn hinreichende Ressourcen von Personen oder Organisationen mobilisiert werden, um das Netzwerk \u00fcberhaupt zur Verf\u00fcgung zu stellen. Dies f\u00fchrt zur origin\u00e4ren Instabilit\u00e4t dezentraler Netzwerke, wenn nicht der Weg der Kommodifizierung des Nutzer:innenverhaltens eingeschlagen wird. Aufbauend auf dieser Zustandsbeschreibung, werden Bedingungen er\u00f6rtert, um Kollektivg\u00fcter wie dezentrale Netzwerke organisatorisch (und nicht technisch) herzustellen. Hierzu z\u00e4hlen Partizipation oder die Idee einer \u00f6ffentlichen Grundfinanzierung. Der Vortrag wird neben soziologischen Ideen und harten Zahlen auch durch eine ordentliche Portion Idealismus zu Fragen der Souver\u00e4nit\u00e4t und Autonomit\u00e4t in der Digitalisierung motiviert.",
  "description": "Die Soziologie hat immer etwas mitzuteilen, sobald Fragen kollektiven Handelns auftreten. Dies gilt sowohl f\u00fcr soziale wie auch digitale R\u00e4ume. So hat der Soziologe Peter Kollock bereits in den 1990er Jahren festgestellt, \u201ethe Internet is filled with junk and jerks\u201c (Kollock, 1999, S. 220). Gegenw\u00e4rtig d\u00fcrfte die Mehrheit dieser Aussage anstandslos zustimmen. Aber dies ist nicht der entscheidende Punkt, sondern die weitere Beobachtung: \u201eGiven that online interaction is relatively anonymous, that there is no central authority, and that it is difficult or impossible to impose monetary or physical sanctions on someone, it is striking that the Internet is not literally a war of all against all\u201d (1999, S. 220).\n\nDie Welt kennt inzwischen zahlreiche Gegenbeispiele, bei denen Autorit\u00e4ten das Internet nutzen, um das Nutzungsverhalten zu monetarisieren oder \u00dcberwachungstechnologien zur Sanktionierung einsetzen (Zuboff, 2019). Diese Ausgangslage beziehe ich in meiner Forschung ein, wenn ich dezentrale Netzwerke wie das Fediverse oder das Tor-Netzwerk aus soziologischer Perspektive betrachte. In erster Linie bin ich daran interessiert zu verstehen, wie dezentrale Netzwerke \u2013 organisatorisch nicht technisch \u2013 entstehen und welche Herausforderungen es dabei zu \u00fcberwinden gilt (Sanders & Van Dijck, 2025). Eine zentrale Motivation orientiert sich an der Frage, wie ein Internet ohne zentrale Autorit\u00e4t, verringert von Marktabh\u00e4ngigkeiten, resilient gegen\u00fcber Sanktionsmechanismen und Souver\u00e4n bez\u00fcglich eigener Daten, aufgebaut werden kann. Motiviert durch diesen pr\u00e4skriptiven Rahmen, betrachte ich im Vortrag die Herausforderungen zun\u00e4chst deskriptiv und beziehe meine soziologische Perspektive ein. Denn in der Regel profitieren Menschen, die einen Vorteil aus der Realisierung eines bestimmten Ziels ziehen, unabh\u00e4ngig davon, ob sie pers\u00f6nlich einen Anteil der Kooperation tragen \u2013 oder eben nicht. Das kollektive Handeln f\u00e4llt mitunter schwer, obwohl oder gerade, weil ein begr\u00fcndetes kollektives Interesse zur Umsetzung eines bestimmten Zieles besteht. Gleiche Interessen sind nicht gleichbedeutend mit gemeinsamen Interessen. Diese Situationsbeschreibung ist vielf\u00e4ltig anwendbar von WG-Aufr\u00e4umpl\u00e4nen bis zu Fragen der klimaneutralen Transformation. Der Grund ist, dass kollektives Handeln ein Mindestma\u00df an Zeit, Aufwand oder Geld verursacht, sodass vielfach ein Trittbrettfahren gew\u00e4hlt wird in der Hoffnung, dass immer noch genug andere kooperieren, um das gew\u00fcnschte Ziel zu erreichen (Hardin, 1982).\n\nAus dieser Perspektive betrachte ich dezentrale Netzwerke. So kann das Fediverse oder der Tor-Browser genutzt werden, ohne eine eigene Instanz oder Knoten zu hosten. Dies ist auch nicht das Ziel der genannten dezentralen Netzwerke. Dennoch: Die Kosten und der Aufwand f\u00fcr die technische Infrastruktur m\u00fcssen von einem kleinen Teil getragen werden, w\u00e4hrend die \u00fcberw\u00e4ltigende Mehrheit der Nutzer:innen von der Infrastruktur profitieren, ohne einen Beitrag zu dieser zu leisten. Dies f\u00fchrt zur origin\u00e4ren Instabilit\u00e4t dezentraler Netzwerke und stellt eine relevante Herausforderung f\u00fcr die Zukunft dar. W\u00e4hrend durch Netzwerkanalysen das Wachstum und die Verstetigung von dezentralen Netzwerken beschrieben wird, fehlt es an einem vertieften Verst\u00e4ndnis \u00fcber Bedingungen wie dezentrale Netzwerke \u00fcberhaupt entstehen. W\u00e4hrend des Vortrags werde ich empirische Daten zur Entwicklung des Fediverse und des Tor-Netzwerkes zeigen, um die Herausforderung zu verdeutlichen. Insbesondere das Tor-Netzwerk steht dabei vor dem Problem, dass die M\u00f6glichkeit zur De-Anonymisierung steigt, wenn die Anzahl an Knoten sinkt. Die \u00dcberwindung des von mir dargestellten Kollektivgutproblems nimmt demnach eine zentrale Rolle zur Aufrechterhaltung ein.\n\nDie Motivation sich mit dezentralen Netzwerken auseinanderzusetzen, resultiert aus der Umkehr der Argumentation, wenn Netzwerke \u00fcber eine zentrale Autorit\u00e4t verf\u00fcgen und zugleich in der Lage sind, Sanktionsmechanismen zu nutzen, beispielsweise um unliebsame User:innen zu sperren, das Nutzungsverhalten zu \u00fcberwachen und zu monetarisieren (Zuboff, 2019). Hierbei beziehe ich mich offensichtlich auf die Entwicklung sozialer Medien, die das oben beschriebene Problem kollektiven Handelns durch Kommodifizierung der Infrastruktur l\u00f6sen. \u00c4hnliches ist aus dem Bereich der Kryptow\u00e4hrung bekannt, welche ebenfalls durch den individualisierten monet\u00e4ren Vorteil, das hei\u00dft der Verhei\u00dfung einer Kapitalakkumulation, Kooperationsprobleme \u00fcberwindet. Stellen wir uns so die Zukunft des Internets vor?\nDezentrale Netzwerke sind nicht per se eine allumfassende technische L\u00f6sung f\u00fcr gesellschaftlich-soziale Probleme. Im Gegenteil: Dezentrale Netzwerke, wenn sie nicht auf Kommodifizierung basieren, unterliegen einer sozialen Ordnung, die sich eben nicht technisch l\u00f6sen l\u00e4sst. Ein Bewusstsein \u00fcber die Notwendigkeit dezentraler Netzwerke ist hierbei leider nicht ausreichend, sondern es braucht Menschen und Organisationen, die bereit sind einen Teil der Infrastruktur zu tragen, ohne einen direkten Vorteil hiervon zu erhalten. Diese Selbstorganisation steht im Vergleich zu profitorientierten Unternehmen immer im Nachteil (Offe & Wiesenthal, 1980).\n\nIn meiner Forschung verbinde ich mein Interesse an Grundstrukturen und Bedingungen sozialer Ordnung, wie dem Kooperationsproblem, mit dem Anspruch gesellschaftlicher Gestaltung. Allein das Bewusstsein \u00fcber diese Bedingungen kann noch kein Kooperationsproblem l\u00f6sen. Es kann allerdings helfen, den Rahmen dieser Bedingungen aktiv zu gestalten. Ich werde mich dabei zwischen kritischen Realit\u00e4ten und hoffnungsvollen Ausblicken bewegen, denn ganz offensichtlich existieren dezentrale Netzwerke, die eine organisatorische und technische Alternative anbieten. Doch wie der Titel suggeriert, hilft hier auf die Dauer nur die (zivilgesellschaftliche) Power.\n\nLiteratur\nHardin, R. (1982). Collective Action. Hopkins University Press.\nKollock, P. (1999). The Economies of Online Cooperation: Gifts and Public Goods in Cyberspace. In M. A. Smith & P. Kollock (Hrsg.), Communities in Cyberspace (S. 220\u2013239). Routledge.\nOffe, C., & Wiesenthal, H. (1980). Two Logics of Collective Action: Theoretical Notes on Social Class and Organizational Form. Political Power and Social Theory, 1, 67\u2013115.\nSanders, M., & Van Dijck, J. (2025). Decentralized Online Social Networks: Technological and Organizational Choices and Their Public Value Trade-offs. In J. Van Dijck, K. Van Es, A. Helmond, & F. Van Der Vlist, Governing the Digital Society. Amsterdam University Press. https://doi.org/10.5117/9789048562718_ch01\nZuboff, S. (2019). Surveillance Capitalism\u2014\u00dcberwachungskapitalismus. Aus Politik und Zeitgeschichte, 24\u201326, 4\u20139.\n",
  "logo": null,
  "persons": [
    {
      "guid": "67576dbb-2347-55a2-a0b3-740c028cf56c",
      "name": "Marco W\u00e4hner",
      "public_name": "Marco W\u00e4hner",
      "avatar": null,
      "biography": "Ich bin wissenschaftlicher Mitarbeiter am Center for Advanced Internet Studies (CAIS) in der Abteilung \"Research Data & Methods\". In meiner Forschung bewege ich mich an der Schnittstelle zwischen Sozialwissenschaften und Informatik. Ich habe zum Thema politischer Online-Partizipation promoviert und interessiere mich dar\u00fcber hinaus f\u00fcr Fragen der politischen Soziologie. Ein Schwerpunkt meiner Arbeit ist die Auseinandersetzung mit Kooperationsproblemen, beispielsweise in dezentralen Netzwerken. Die Deutsche Bahn und Windows haben mich politisiert.\n",
      "url": "https://events.ccc.de/congress/2025/hub/en/user/speaker_67576dbb-2347-55a2-a0b3-740c028cf56c"
    }
  ],
  "url": "https://events.ccc.de/congress/2025/hub/en/event/detail/auf-die-dauer-hilft-nur-power-herausforderungen-fur-dezentrale-netzwerke-aus-sicht-der-soziologie",
  "links": [],
  "origin_url": "https://cfp.cccv.de/39c3/talk/AEHLZT/",
  "attachments": [
    {
      "url": "/media/39c3/submissions/AEHLZT/resources/2025-12-28-ppp-39c3_6zZLASE.pdf",
      "type": "related",
      "title": "Pr\u00e4sentation des Vortrags"
    }
  ],
  "feedback_url": "https://cfp.cccv.de/39c3/talk/AEHLZT/feedback/",
  "do_not_record": false,
  "do_not_stream": null
}